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Warum wir wissen, dass etwas nicht stimmt — und trotzdem nichts tun

  • Autorenbild: Markus Ernsten
    Markus Ernsten
  • 6. Apr.
  • 3 Min. Lesezeit

Jeder Unternehmer, den ich kenne, hatte diesen Moment.


Dieses Gefühl im Bauch, das sagt: Hier stimmt etwas nicht. Nicht laut. Nicht dramatisch. Eher wie ein leises Summen, das du hörst, wenn es still wird. Aber es wird nie wirklich still, also hörst du es nie wirklich.


Und dann, Monate später, bricht es auf. Die Krise. Die Kündigung. Der Umsatzeinbruch. Der Konflikt, der plötzlich alles lähmt.


Und alle sagen: „Das kam aus dem Nichts."


Aber das stimmt nicht. Es kam nicht aus dem Nichts. Es kam aus dem Schweigen davor.


Ich habe in den letzten Jahrzehnten mit vielen Unternehmern zusammengearbeitet, die genau das erlebt haben. Und das Muster ist fast immer dasselbe. Es sind nicht die großen Fehler, die Unternehmen in die Krise führen. Es sind die kleinen Entscheidungen, die nicht getroffen werden. Die Gespräche, die nicht stattfinden. Die Zahlen, die man lieber nicht genau ansieht.


Das Paradoxe daran: Die meisten wussten es. Irgendwo in ihrem Kopf war die Information da. Aber zwischen Wissen und Handeln liegt ein Graben, der breiter ist, als wir gerne zugeben.


Warum?


Grund 1: Handeln macht es real.


Solange du nichts tust, ist das Problem noch eine Möglichkeit. Ein Vielleicht. Ein „könnte sein, muss aber nicht." In dem Moment, in dem du es aussprichst oder eine Entscheidung triffst, wird es Realität. Und mit der Realität kommt die Verantwortung.


Die meisten Menschen vermeiden nicht das Problem. Sie vermeiden die Verantwortung, die mit dem Erkennen kommt.


Grund 2: Alles andere ist lauter.


Das Tagesgeschäft schreit. Kunden, Projekte, Personalthemen, Meetings. Das alles ist dringend. Die Krise, die sich aufbaut, ist wichtig — aber leise. Und leise verliert gegen laut. Jeden Tag.


Ich kenne Unternehmer, die zwölf Stunden am Tag arbeiten und trotzdem die eine Sache nicht anpacken, die wirklich zählt. Nicht, weil sie faul sind. Sondern weil das Dringende ein perfektes Versteck für das Wichtige ist.




Das ist vielleicht der ehrlichste Grund. Und der Menschlichste. Wir alle haben diese leise Hoffnung, dass sich Dinge von selbst lösen. Dass der Konflikt im Führungsteam sich legt. Dass der schwache Bereich irgendwie aufholt. Dass die Stimmung sich dreht.


Manchmal stimmt das sogar. Aber meistens nicht.


Ich erinnere mich an einen Unternehmer, der mir sagte: „Ich wusste seit acht Monaten, dass mein Vertriebsleiter nicht mehr funktioniert. Aber ich habe gehofft, dass er sich fängt."


Acht Monate. In denen das Team frustriert wurde. In denen Kunden verloren gingen. In denen alle wussten, was los war — nur keiner sagte etwas.


Als er schließlich handelte, war der Schaden um ein Vielfaches größer als er es acht Monate zuvor gewesen wäre.


Ich habe ihn gefragt: „Was hat dich so lange davon abgehalten?"


Er sagte: „Ich mochte ihn."


Das ist kein schlechter Grund. Es ist ein zutiefst menschlicher Grund. Aber es ist kein guter Grund, ein Unternehmen zu gefährden.


Was mich an diesen Situationen immer wieder beschäftigt, ist nicht die Frage, wie man Krisen löst. Dafür gibt es Berater, Prozesse und Krisenmanagement. Das ist handwerklich lösbar.


Was mich beschäftigt, ist die Frage davor:


Was hindert kluge, erfahrene, verantwortungsvolle Menschen daran, rechtzeitig hinzuschauen?


Und ich glaube, die Antwort liegt nicht in der Strategie. Sie liegt in der Identität.


Viele Unternehmer haben ein Selbstbild, das auf Stärke aufgebaut ist. Auf Kontrolle. Auf „Ich schaffe das." Und in dem Moment, in dem etwas nicht funktioniert, bedroht das nicht nur das Unternehmen. Es bedroht dieses Selbstbild.


Hinzuschauen heißt, sich einzugestehen: Hier habe ich etwas übersehen. Oder schlimmer: Hier habe ich etwas gesehen und nichts getan.


Das ist keine strategische Frage. Das ist eine Frage der Ehrlichkeit gegenüber sich selbst.


Ich habe keine Checkliste dafür. Keine fünf Schritte, die garantieren, dass du rechtzeitig handelst. Wer dir das verspricht, lügt.


Was ich habe, ist eine Beobachtung:


Die Unternehmer, die rechtzeitig handeln, haben etwas gemeinsam. Sie haben jemanden, mit dem sie offen reden können. Nicht jemanden, der ihnen sagt, was sie hören wollen. Sondern jemanden, der fragt: „Was weißt du schon, das du dir noch nicht eingestehen willst?"


Diese eine Frage ist mehr wert als jedes Krisenkonzept.


Weil sie dich zwingt, ehrlich zu sein, bevor die Ehrlichkeit teuer wird.


Wenn du diesen Artikel liest und denkst: „Das kenne ich“, dann kennst du wahrscheinlich auch die Sache, die du gerade vor dir herschiebst.


Die Frage ist nicht, ob du sie anpackst.


Die Frage ist, wann.


Hier veröffentliche ich alle zwei Wochen Artikel, die tiefer gehen. Wenn du Unternehmer bist und dich mit Themen wie Führung, Identität und Klarheit beschäftigst — bleib dran.

 
 
 

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Markus Ernsten

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